Priester in der Fokolar-Bewegung

Martin Gögler

Pfarrer i. R. in Friedberg-Ottmaring

In den 50 Jahren meines Priesterseins habe ich die Kirche in Deutschland in ihrem öffentlichen Ansehen noch nie so tief fallen sehen. Zu lange haben wir gedacht: wir sind gut, ja, wir sind die Besten.

Und wie gehe ich damit um, jetzt ohne führende Stellung in dieser Kirche, in einem kleinen Ort in der Nähe von Augsburg als Pensionär?

Fokolarpriester Martin Gögler im Porträt

Ich wehre mich gegen die Haltung: „Das ist aber schlimm, wer hätte das gedacht….“, zum anderen sehe ich, wie hilflos die Kirche auf die massiven Missbrauchsfälle reagiert. Und plötzlich ertappe ich mich dabei, dass ich eine Position außerhalb der Kirche einnehme in meinem Denken und Argumentieren und Gefahr laufe, mich über sie zu stellen.

Das geht nicht. Ich stehe zu dieser Kirche, so wie sie ist. Es tut weh, sie so armselig zu sehen. Ja, aber wenn die Kirche leidet, leidet Jesus. Und so wende ich mich an Maria, bei der ich lerne, wie man am Leiden Jesu dran bleiben kann: sich mit ungeschütztem Herzen treffen lassen.

Wenn ich von der Kirche eine neue Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit erwarte, dann ist das zu allererst eine Anfrage an mich selbst: die Herausforderung, eine Religion ohne Pathos zu praktizieren, mich nicht hinter schönen Worten zu verstecken oder davon fasziniert zu sein, wie ich als geübter Prediger etwas ausdrücke. Ich spüre, dass ich nie fertig bin, dass ich keine Ausreden suchen darf, um nicht selbst konkret und unaufgeregt als Christ zu leben. Ich versuche wach und offen zu sein für den Nächsten, den Mitbruder, den Nachbarn, den Anrufer….

Länger als mein Dienst in der Kirche ist meine Zugehörigkeit zur Fokolar-Bewegung. Menschen haben mich getragen, Menschen haben mich in ihr auch leiden lassen, durch Menschen habe ich wichtige Antworten bekommen. Noch heute erinnere ich mich, wie mir mein Freund Pater Hans Heilkenbrinker, mit dem ich später viele Jahre in Vita comunis gelebt habe, ganz zu Anfang erklärte, wie er den Ausdruck „Jesus im Bruder lieben“ versteht. Spirituell von der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) kommend hatte ich damit ernste Schwierigkeiten. Nicht aber mit der Antwort: Ein Zinnsoldat, den man ins Feuer legt, glüht. Im Nächsten Jesus lieben, heißt, den Bruder mit seinem Glühen zu lieben.

Entscheidende Impulse an Wegkreuzungen in meinem Leben habe ich Frauen zu verdanken. Eine verheiratete Frau, mit der ich gut befreundet war, hat mir in einer Krise geholfen: „du bist ja total verliebt“, sagte sie mir offen auf den Kopf zu. Ich hatte nicht wahrgenommen, dass ich als junger Seelsorger dabei war, mein Herz an eine Jugendliche der Pfarrei zu verlieren. Schritt für Schritt begleitete diese Frau meinen Weg zu einer neuen Entschlossenheit für den Priesterberuf. Kurz darauf verstarb meine Schwester Pauline an Krebs. Die letzten sechs Monate mit ihr waren für mich wie Exerzitien. Ich durfte neu ausloten, um was es mir eigentlich geht.

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